Was ist los mit Guido

Von den Fortschritten eines Frühförderers:

Heute war er wieder da.

Ich wache auf, ein herrlicher Maimorgen! Man könnte heute, so sinniere ich, auf der Terrasse in der Hängematte schaukeln und die frische Luft genießen. Wenn es dann später wärmer wird, soll Mama mich zum Wasserbecken tragen und mir beim Planschen helfen. Aaahh, da kommt sie auch schon an mein Bett, die Mama, und mit ihren ersten Worten platzt der Traum vom geruhsamen Vormittag! "Hurtig, Schätzchen", ruft die Mama mit verdächtig süßer Stimme, "aufwachen und fertigmachen, heute kommt der Guido zu dir!"

Guido - jeden Dienstag Guidotag, früh morgens um neun steht er da, dieser Guido, und dann bleibt er und bleibt ...

Als Guido das erste Mal bei uns auftauchte, kam er in Begleitung einer Dame (seine Mutter, möchte ich mal vermuten!) und die redete mit meiner Mutter, eeendlos lang, und schließlich waren sie sich einig: jeden Dienstag sollte Guido zu uns kommen.

Ich reime mir die Sache so zusammen: diese Dame, diese Guido-Mama, ist beruflich schwer im Stress, arbeitet als Psychologin an irgendeiner Förderstelle oder so, und da braucht sie nun halt eine nette Tagesmutter, die ab und an auf ihren Guido achtgibt. Und was meine Mama ist, die hat sich wieder mal nicht abgrenzen können und sich also breitschlagen lassen, den Kerl einmal pro Woche zu übernehmen, obwohl sie uns schon dauernd wegen ihrer Überlastung in den Ohren liegt....nein, das ist keine Beziehungskiste, das ist eine Spielkiste.

Ja, und konkret läuft es jetzt so, dass ICH mich um den Guido kümmern muss, wenn er dienstags kommt, und das ist Arbeit, möchte ich mal betonen, denn Guido ist ein bisschen schwierig. Rein äußerlich macht er zwar voll auf erwachsen, fährt Auto, raucht (ich riech' das jedes Mal), er ist ein großer Kerl, baumlang sozusagen - aber wenn man dann mit ihm zusammen ist, seine Interessen und so, also irgendwie passt das nicht und ich frag' mich immer wieder: Was ist los mit dem Jungen? Steckt er in irgendeiner Art von Rollenkonflikt? Leidet er an chronifizierten Interaktionsstörungen? Oder agiert er eine unbewältigte infantile Identitätskrise aus?

Jedes Mal, wenn er hier aufläuft, schleppt er körbeweise Spielzeug an, schafft's aber nie, sich auch was rauszusuchen aus den Körben, das mach' ich dann halt für ihn, sonst läuft gar nichts. Wahrscheinlich ist er reizüberflutet oder so, und weniger Spielzeug wäre bei ihm sicher mehr! Mit den meisten Sachen kann er auch nicht richtig umgehen. Das Steckbrett beispielsweise, mein Gott, da hab' ich lange mit ihm dran geübt! Eine Gratwanderung war das, ich hab' ihn unterstützt, so gut ich konnte. Zu schnell durfte ich nicht vorgehen, seine Frustrationstoleranz war anfangs nämlich recht gering - aber zu langsam wollte ich auch nicht machen, denn Langeweile kann demotivierend wirken!

Und als er dann die russischen Puppen dabei hatte, neun Stück waren das, immer eine in der anderen versteckt! Ganz klar, wenn ich nachtragend wäre, dann hätten wir uns wegen dieser Puppen ernsthaft in die Wolle gekriegt. Ich hab' sie für ihn nämlich auseinandergenommen und in der Wanne mit den Linsen versenkt. So was machen Künstler manchmal, und mit etwas Glück geht's dann an einen Sammler oder ein Museum. Bei Guido lag ich damit aber voll daneben, denn fürs Spielerische fehlt ihm das Gespür. Wahrscheinlich ist bei ihm durch intellektuelle Überfrachtung in der frühen Kindheit oder so das ganze kreative Potential verschütt gegangen. Er wollte jedenfalls die Dinger schön der Größe nach geordnet haben, aber wir brauchten fast den ganzen Vormittag, um erst mal klarzumachen, wer denn nun die Puppenteile aus den Linsen buddeln sollte. Dabei ist mir schließlich bewusst geworden, dass er das Aufräumen ja meistens mir überlässt!!!

Unlogisch ist er übrigens auch! Als ich neulich von dem frischen Salzteig probierte, hat er sich glatt geweigert mitzuessen. "Das schmeckt nicht" hat er behauptet! Woher will er das denn wissen, dass das nicht schmeckt, wenn er nicht ein einziges kleines Klümpchen davon gekostet hat???

Ach, und die Becherpyramide, liebe Güte, war das ein Theater! Ich hatte mir vorgestellt, dass wir die Becher einfach unters Sofa kullern könnten - aber nein, zwanghaft wie er ist, gab er keine Ruhe, bis ich ihm einen Turm damit gebaut hatte. Und dann wollte er ihn nicht mal selber umschmeißen, das musste ich auch noch übernehmen. Da kann einem der Spaß mit der Zeit schon vergehen!!!

Heute allerdings, da hatte er - gerechterweise muss ich es erzählen - endlich eine eigene Idee, und eine gute noch dazu! Ich war sofort einverstanden (natürlich auch aus pädagogischen Gründen: diese Art von Eigeninitiative soll man immer sofort positiv verstärken!), und wir breiteten uns in Mamas Küche aus. Töpfe und Schüsseln holten wir hervor, und den Besteckkasten untersuchten wir auch. Erstaunt hat mich ja, wie geschickt Guido mit den scharfen Messern hantierte - ob er zu Hause öfter ans Besteck geht? Na ja, Guido hatte zufällig Quark dabei, in einem seiner vielen Körbe, und wir rührten Honigquark an. Das war vielleicht lustig, Guido war echt locker der Guido (womöglich entwickelt er doch noch ein Gespür fürs Spielerische), und lecker war es außerdem!!!

Jetzt, nachdem der Guido weg ist, lieg' ich endlich in der Hängematte. Mama muss gespürt haben, dass dieses Quarkanrühren mich doch ganz schön Energie gekostet hat, und sie meinte, ich solle erst mal ein Mittagsschläfchen halten nach der ganzen Arbeit.

Wie angenehm das schaukelt, und über mir wispern die maiengrünen Blätter, da könnte ich mich eigentlich entspannen: Guido und ich, wir kommen doch alles in allem gar nicht mal sooo schlecht
miteinander voran! - Aber meine Mama, was ist los mit meiner Mama? Wenn ich bedenke, wie ihre Küche vorhin aussah, dieser ganze Quark überall, und ich selber so verkrustet und verklebt, und sie hat's einfach durchgehen lassen, kein Wort hat sie gesagt von wegen blanker Unfug und grandiose Sauerei wie damals, als Papa und meine große Schwester mit dem Pfannkuchenteig experimentiert hatten ???

Ich weiß schon, und ich ruf es ganz leise den nickenden Bäumen über mir zu: der Mensch, und die Mutter an sich sowieso, ist ein unergründliches Rätsel.

(Der Text stammt von Ingeborg Endres-Häusler, die als Diplom-Psychologin für verschiedene Fachzeitschriften schreibt. Wir bedanken uns bei der Autorin für die freundliche Genehmigung zum Abdruck)